Geschrieben von Sigrid Jo Gruner, Dienstag, 31. März, 2015

Die Erfindung des Grandhotels

(PREGAS/S.J.G.) Wie schaffen es Hotellegenden wie Waldorf Astoria, Ritz Carlton oder Raffles, dass wir bereits glänzende Augen bekommen, wenn nur ihr Name fällt?

Sie wurden ein Mythos, weil sie viel von sich reden machten. Stück für Stück baut sich Image organisch auf. Vorausgesetzt: Traum und Wirklichkeit stimmen in Anspruch und Aussage überein. Hotels agieren hier nicht anders als Wirtschaftsunternehmen. Traditionshäuser wussten das, sonst wären sie keine geworden. Auch kleine und neue Häuser schaffen das. Indem sie adoptieren, was die Großen tun. Von sich hören lassen, sich sichtbar machen. Professionelle Hotel-PR eben.
 
Das gilt im Grunde für alle. Große Namen wie Cipriani, De Crillon, Reids, Vier Jahreszeiten, Adlon, Elephant Weimar, Oriental Bangkok, Chelsea Hotel haben es einen Tick leichter. Aber ein höheres Budget ist nicht wirklich kriegsentscheidend. Worum geht’s tatsächlich?

Geliebt, verehrt, aus der Ferne angehimmelt – Grandhotels spiegeln unerlöste Sehnsüchte. Sie leben von dem was sich in der Psyche der Gäste abspielt, wenn sie die Drehtür durchschreiten. Sie verkaufen Parallelexistenzen, bauen Filmkulissen für Applausdurstige und rollen Bühnen aus für Lebenshungrige, die ihren Appetit nur in der Ferne stillen können. Das mag den Reiz des Reisens ausmachen: Beim träumerischen „Ganz-außer-sich-sein“ ganz zu sich selbst finden. Übrigens: Das kann auch ein kleines oder mittelgroßes Haus leisten.

Hotel-Legenden machen vor Wonne frösteln.

Als Kind wollte ich Literatin werden. Wie Marcel Proust, Tucholsky, Ödon von Horvath, Hemingway,  Klaus Mann, Sylvia Plath ganz oder zeitweise mein Leben ballastfrei in einer intimen Hotelzimmerhöhle führen. Einsam ohne allein zu sein, wie Zoe Jenny es kürzlich benannte. Während der drei Monate Residenz im Basler „Les Trois Rois“ beendete sie ihren Roman „Ein schnelles Leben“, eine kurzzeitig schwebende Existenz ohne bürgerlichen Boden. „Writers in Residence“ hat in der Schweiz eine neue Bestimmung erfahren. Im Hotel ändert sich das Zeitgefühl – ahnte bereits der Held im „Zauberberg“. Er kam auf drei Wochen und blieb sieben Jahre. Hätte ihn der Erste Weltkrieg nicht an die Front gerufen, wäre er heute noch da.

In einen Hotelpalast wie George V oder Palace Merano, New York Plaza, Claridge, Kulm Hotel St. Moritz oder Marmounia Marrakesch tritt man ein, und blitzschnell scheint die Attitüde des Ortes auch die eigene zu werden. Zumindest im Wunschdenken. Man adoptiert, was sich in Vorhangfalten und Betthimmeln über Jahrzehnte & Jahrhunderte wie unsichtbare Patina einnistete. Hotelgäste schlüpfen nicht selten in eine zweite Haut. Hochstapler und Hotelpage Felix Krull beschreibt es mit ironisch-selbstverzücktem Blick, Vicky Baum zeichnete so das Sittengemälde der Zwanziger Jahre.

Wie finden Gast & Hotel zusammen?

Preis-Schnäppchen sind nicht das Ei, aus dem Faszination schlüpft. Ausgenommen ein exorbitant hoher Preis, der ein schwindeliges Lustgefühl erzeugt – vergleichbar dem Endzeitschauder dessen, der jäh vor einem Abgrund steht. Was uns bewegt, auf „Buchen“ zu drücken, ist das innere Blitzlichtgewitter. Unser Unbewusstes macht diesen Job gerne. 

Was passiert mit uns „Menschen im Hotel“, wenn wir die Brokatdecke vom megabreiten Bett ziehen und ein exquisiter aus dem Satinkissen aufsteigender Rosenduft unsere Nasen kitzelt? Wenn der eigene Butler mit behandschuhten Fingern den seidenen Morgenmantel reicht und Goldperlen im türkisfarbigen Badewasser flimmern? Wenn wir uns die Filmdiva vergegenwärtigen, die von eben diesem Hotel im Cabrio aufbrach um sich flugs den Hals zu brechen? Wenn wir unter monströsen Kronleuchtern ein 7-gängiges Champagner-Menü verzehren, wie 120 Jahre vor uns ein europäischer Monarch kurz vor dem Exil? Warten wir im Restaurant der „Schatzalp“ nicht wie weiland Hans Castorp auf das Klirren der zugeschlagenen Glastür mit dem Madame Chauchat ihr Kommen ankündigt? Der Genius Loci wirkt bei allen – todsicher! Und nicht nur in Nobelherbergen. Jedes Hotel beherbergt Geschichten. Ein sorgfältig gebautes Image, das die Realität nicht scheuen muss, ist der Anfang.

Hotel-PR heute: Die innere Erotik von Story und Content

Warum nutzen Hotels dieses feine Gespinst aus neuronaler Verführbarkeit & Fernweh so betrüblich wenig für ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit? Warum erschöpfen sich PR-Themen so oft bei der saisonalen Spargelkarte, der Eröffnung der Skisaison oder der x-ten Kür des „Angestellten des Monats“? Bei Personalien, Zertifikaten und Auslastungszahlen. Ist es das, was Gäste zum Buchen verführt? Ehrenvolle Marginalien sind es, aber auch nicht mehr.

Dabei ist Hotellerie in einen schillernden Kokon aus Geschichte und Histörchen, lokalen Randnotizen, kulturellen und allzu-menschlichen Bezügen eingewoben, der genutzt werden will. Scheherazade betört ihren Sultan Nacht für Nacht mit einer neuen Serienfolge. Der listig eingesetzte Kliffhänger macht diesen süchtig auf das Ende. TV-tauglich! Bis der enthusiasmierte Despot auf dem Gipfel der Spannung aufgibt und seine Bezwingerin ehelicht. Eine vorzügliche Strategie, wie erfunden für die Öffentlichkeitsarbeit der Hotellerie. Gäste wollen becirct werden. Nichts weiter. Emotionaler Content ist die Pfauenfeder der Scheherazade.

Kommunikation für Hotels ist schwierig und einfach zugleich!

Bildquelle: Pixabay





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