Geschrieben von Bernd Fritzges, Sonntag, 22. Februar, 2015

Wo sind die Guerilla-Gastwirte?

(PREGAS/B.F.) Diese Woche las ich in der Berliner Morgenpost einen Bericht mit dem Titel „Straßencafés in Berlin – Kampf um Stühle und Tische“. Die Regeln für das Aufstellen von Tischen, Stühlen und Werbeschildern sollen für Berliner Straßencafés verschärft werden, was die Gastwirte verärgert. Gerade in Charlottenburg-Wilmersdorf (zu diesem Bezirk gehört der bekannte Kurfürstendamm) greift das Bezirksamt jetzt härter durch und ahndet Regelverstöße mit bis zu 3.000 Euro Bußgeld. Nicht selten fühlen sich Gastwirte hierdurch ungerecht behandelt, schließlich zahlen Gastronomen auch für die Flächen zusätzliche Nutzungsgebühren an den Bezirk. Der Berliner Anwalt Uwe Lehmann-Brauns will jetzt gegen das „bürokratische Verständnis von Stadtentwicklung“ vorgehen, denn Restaurants, die ihre Stühle rausstellen, schmeicheln  der Stadt. Ferner stünde die Nutzung der Gehwege nicht im Widerspruch zum öffentlichen Interesse, ganz im Gegenteil.

Und recht hat der gute Mann! Ich selbst habe erfahren können, wie Mitarbeiter der zuständigen Ämter mit Ihrer bürokratischen Denke kein Gefühl mehr für die Realität und den damit verbundenen Existenzkampf besitzen und Diskussionen führen, bei denen man denkt, dass die Kamera von „Verstehen Sie Spaß?“ mitläuft. So kam es durchaus vor, dass aufgrund von 15cm eine vollständige Tischreihe auf der Terrasse abgebaut werden musste. Nehmen wir an, diese fünf Tische bringen in der Terrassensaison einen durchschnittlichen Umsatz von nur 20 Euro und werden nur 5x am Tag belegt, dann wäre die Umsatzeinbuße am Tag 500 Euro, im Monat 15.000 Euro. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass man zwei Mitarbeiter entlassen muss, hierbei ist der Schaden des Gastwirtes noch gar nicht berücksichtigt. Solche Begründungen sind jedoch irrelevant, denn hierauf würde man eher die Antwort erhalten, dass man wohl einen Fehler im Businessplan gemacht hätte, da die genauen Nutzungsflächen der Terrasse schließlich bekannt wären.

Aber verlassen wir die Betrachtung des direkten wirtschaftlichen Schadens und widmen uns dem Thema Stadtentwicklung. Nun bin ich auf diesem Gebiet alles andere als ein Experte, jedoch habe ich  seit Beginn der 90er Jahre folgendes beobachten können (gerade in Bezug auf die City-West in Berlin):

Cafés wie Möhring, Kranzler, Huthmacher, Café des Westens etc. verschwanden und wurden durch andere Geschäfte wie Deutsche Bank, Gerry Weber, C&A etc. ersetzt. Die Begründung lag hierbei in erster Linie darin, dass zu dieser Zeit beispielsweise die Tauentzienstraße (der verlängerte Ku‘damm) nach der Champs-Élysées in Paris den zweithöchsten Mietpreis besaß. Da ist es verständlicherweise schwierig mit Kaffee und Kuchen gegenüber Banken und Textilketten mitzuhalten. Die Folge hieraus war jedoch, dass der weltbekannte Ku’damm seine Attraktivität verlor, er war keine Flaniermeile mehr, er verlor an Flair und hinzu kam, dass die City Ost inzwischen vielmehr zu bieten hatte.

Umso mehr hat es mich als gebürtigen Berliner erfreut festzustellen, dass der Kurfürstendamm in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Nach meiner Einschätzung liegt die Begründung hierfür an dem wieder „gesünderen Mix“, wozu vor allem die Gastronomie und Hotellerie beiträgt. In meinem Bekanntenkreis, berichten Besucher der Hauptstadt eher von ihrer Café- und Kneipenroute und wo sie übernachtet haben, als von ihren Shopping-Erfolgen in den bekannten Textilketten.

Wenn ich jetzt mitbekomme, dass die Bürokraten die Entwicklung der letzten Jahre wieder anfangen zu torpedieren, dann erinnere ich mich gerne an kreative Gastwirte, die gegen  den Amtsschimmel in den Guerilla-Kampf gezogen sind. Hier zwei Beispiele gerade in Bezug auf das Aufstellen von Werbeschildern: Der Betreiber eines Steakhauses ließ Fahrräder anfertigen mit großen Werbeflächen zu seinen Angeboten und schenkte jedem Mitarbeiter solch ein Fahrrad. Natürlich gab er jedem Mitarbeiter den Hinweis, dass es doch super wäre, wenn sie zukünftig immer mit dem Fahrrad zur Arbeit kämen und diese jedoch nicht alle direkt vor der Tür anschließen würden. Die Folge war, dass man im gesamten Ku’damm Bereich dutzende von Fahrrädern mit Werbeflächen sah. Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes ließ natürlich nicht lange auf sich warten, konnte jedoch nicht wirklich Sanktionen aussprechen, da ihm deutlich gemacht wurde, dass es sich um das Privateigentum der einzelnen Mitarbeiter handelt und er sich doch bitte an diese wenden möchte – und wie möchte man bitte das Fahrradfahren untersagen?

Dann gab es noch den Gastwirt in der Zeit vor den Navigationsgeräten, der in einem kleinen Dorf südlich von Berlin jede Woche Tausende Besucher und Gäste erwartete, jedoch die Schwierigkeit hatte, dass die meisten potentiellen Gäste dieses kleine Dorf nicht fanden. Die Ablehnung der zuständigen Ämter für eine bessere Ausschilderung führte dazu, dass im Umkreis von ca. 30 Kilometern hunderte Hinweisschilder dieser 160-Seelen Gemeinde aufgestellt wurden, auf dem nur der Ortsname stand. Auch hier dauerte es nicht lange, bis die Mitarbeiter der Ordnungsämter dem Betreiber einen Besuch abgestattet hatten. Der Gastwirt machte jedoch deutlich, dass es wohl ein neuer Fan des Ortes sei, schließlich stünde an keiner Stelle etwas von ihm auf dem Schild. Dieser Grabenkampf hielt im Übrigen mehrere Jahre an, da die von den Gemeinden entfernten Schilder von dem vermeintlichen „Orts-Fan“ nachts immer wieder erneuert wurden. Das Ergebnis jedoch war, dass man im 100 Kilometer entfernten Berlin und Leipzig davon sprach, dass dieses „Kaff“ bereits 30 Kilometer vor dem Ziel beschildert sei.

Vielleicht sollten Berliner Gastwirte zukünftig überlegen, ob Sie lieber Terrassenmöbel vermieten und nur noch einen Außer-Haus-Verkauf betreiben, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man als Verleiher von Mobiliar dafür verantwortlich ist, wo dieses aufgestellt wird.

Wie in dem Bericht der Berliner Morgenpost beschrieben, fürchten viele Gastronomen öffentlich Kritik zu äußern, da sie hierdurch noch stärke Sanktionen erwarten könnten. Jedoch würde ich es begrüßen, wenn im Sinne der Restaurants und Cafés entschieden wird. Und wer weiß, vielleicht wird der ein oder andere Guerilla-Gastwirt zur Thematisierung und zur Sensibilisierung der Staatsvertreter beitragen.

Bildquelle: © intergerma/kollarneuber

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