Geschrieben von Sascha Wortmann, Freitag, 22. Juli, 2016

Lebensversicherungen: Widerrufs-Joker ausspielen

(PREGAS/Sascha Wortmann) Viele Hoteliers und Gastronomen sorgen mit Lebens- und Rentenversicherungsverträgen fürs Alter vor. Aber nicht alle sind mit ihren Policen zufrieden. Unter gewissen Bedingungen können sie die Verträge widerrufen, über die gesamte Einzahlungssumme verfügen und das Geld dann neu und flexibel anlegen.

Es ist ein typisches Bild in Hotellerie und Gastronomie: Unternehmer, die privat fürs Alter vorsorgen. Sie investieren dann einen Teil ihrer Erträge in Lebens- und Rentenversicherungsverträge. Und in der Vergangenheit war dies auch ein einträgliches Geschäft, noch in den 90er Jahren betrug der Garantiezins bei Lebensversicherungen (für die gesamte Dauer, wohlgemerkt!) vier Prozent. Für viele Sparer eine komfortable Situation, um über die Jahre und Jahrzehnte hinweg mit einem überschaubaren monatlichen Betrag ein gutes Ruhestandsvermögen aufzubauen.

Aber die Situation hat sich gewandelt, nicht nur, weil der Garantiezins im Laufe der Jahre immer weiter gesunken ist. Viele Anleger sehen heute langfristig eher andere Anlageformen im Fokus und möchten lieber in andere Produkte investieren als in Lebens- und Rentenversicherungen. Das gilt auch für Hoteliers und Gastronomen. Was früher gut war, muss heute nicht mehr zwangsläufig funktionieren. Und deshalb suchen sie nach einem Weg, ihre Sparverträge zu kündigen, auch wenn diese schon länger laufen. Doch das ist nicht immer so einfach. Der Aufwand ist oft groß, und der Geldverlust kann aufgrund des aktuellen Rückkaufwertes und der in den ersten Jahren einbehaltenen Gebühren hoch sein. Kurzum: Sparer bekommen selten das heraus, was sie über die Jahre hinweg eingezahlt werden.

Das muss aber nicht sein, denn gerade Besitzer von Altverträgen, die heute lieber andere Chancen an den Kapitalmärkten wahrnehmen wollen, können von einer gesetzlichen Regelung profitieren. Der Bundesgerichtshof hat sich einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs angeschlossen und stärkt denjenigen den Rücken, die von den Verträgen zurücktreten wollen. Die Richter sind der Meinung, dass die betreffenden Verträge in bestimmten Fällen komplett rückabgewickelt werden müssen.“ Dieses Urteil bezieht sich auf Verträge, die zwischen Mitte 1994 und Ende 2007 geschlossen worden sind und in deren Rahmen die Kunden nicht über die Vertragsbedingungen und vor allem die Widerrufsfrist informiert worden sind.

Eine offizielle Zahl gibt es zwar nicht, aber Experten schätzen die Quote als recht hoch ein. Bis Juni konnten Immobiliendarlehensverträge (abgeschlossen zwischen 2002 und 2010) aus dem gleichen Grund gekündigt werden, von den rund zehn Millionen ist nach Schätzungen von Haus & Grund, dem Verband für Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, zumindest die Hälfte fehlerhaft. Insofern sollten Hoteliers und Gastronomen nicht einfach annehmen, dass die Kündigung ohnehin nicht funktionieren wird. Sondern, sofern sie Interesse an einer Vertragsauflösung haben, ihre Police von einem Experten genau überprüfen lassen und bei positivem Ergebnis den Widerruf anstreben. Dann können Anleger über die komplett eingezahlte Summe verfügen, und darüber hinaus muss die Versicherung eine Nutzungsentschädigung zahlen, da sie mit den Beiträgen des Kunden selbst Geld verdient hat. Das kann je nach Größenordnung eines seit Mitte der 90er Jahre laufenden Vertrags durchaus zu einem Mehrwert im fünfstelligen Bereich führen – der bei einem herkömmlichen Rückkauf verloren gegangen wäre.

Doch was dann mit diesem Geld? Über die unerwartete Liquidität freuen und in den Konsum stecken? Besser nicht, denn das könnte das Ruhestandsvermögen gefährden. Besser ist es, die Summe – oder einen gewissen Teil, abhängig von der Höhe – direkt wieder zu investieren und zwar in eine wertstabile Anlage mit guten Renditechancen bei so weit wie möglich reduziertem Risiko. Diese sollte im besten Falle eine ähnliche Laufzeit haben wie die Lebens- oder Rentenversicherung und regelmäßige Einzahlungen ermöglichen. Und sie sollte größtmögliche Flexibilität bieten, um dauerhaft auf die Anforderungen der Märkte reagieren zu können.

Bildrechte: MiTi/Fotolia

 
Über den Gastautor:
Sascha Wortmann

Sascha Wortmann ist Inhaber der Wortmann Finanzen & Beratung (www.wortmann-fin.de) in Mönchengladbach und berät private und institutionelle Anleger bei allen Fragen rund um Finanzen und Versicherung. Den Widerruf von Lebens- oder Rentenversicherungsverträgen administriert er in seinem professionellen Netzwerk, ebenso die gezielten Re-Investments der frei gewordenen Gelder.





Beiträge von Gastautoren


Bongiorno, Signore Bond

Artikel lesen

Rückstellungen: Die GmbH finanziert den Ruhestand

Artikel lesen

Bindung und Empfehlungen durch Printprodukte stärken

Artikel lesen