Geschrieben von Sigrid Jo Gruner, Montag, 19. Januar, 2015

Die neue Achtsamkeit – auf dem Teller! Gärtnern ist cool und Küchenklassik auch

(PREGAS/S.J.G.) „Regio ist das neue Bio“ – da ist was dran. Innovative Gastro-Labs wie das Kopenhagener „Moma“ beschäftigen exklusiv einen eigenen Schwarm aus vertrauenswürdigen regionalen Produzenten. Auch normal-sterbliche Natürlich-Genießer, für die Essen nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern ein tägliches kulturelles Highlight, suchen gezielt nach Produkten aus nächster Nähe. Nicht nur der Frische wegen. Kindliche Freude macht es, wie ein Pseudo-Kleingärtner Gemüse (oder Hühner) vom Bauer seines Vertrauens nachhause zu tragen oder sich über Urban Gardening, Windowfarming oder Neuschrebering zu verwirklichen.

Wer sucht der findet: In für kleines Geld gepachteten Selbsternte- und Gemeinschaftsgärten, in Großstadt-Hinterhöfen oder auf Dachterrassen, rund um Alleebäumen oder mittels gezielt auf Grünstreifen platzierten Samenbomben –  viele Wege führen zum Freizeitlandwirt oder Guerillagärtner. Da ist der Schritt zu Hausgans oder Küken-Aufzucht nicht mehr weit.

Essen ist (auch) Heimat

Zurück zu den Ursprüngen? Nicht immer klug. Doch beim Essen bricht sich ein verdrängtes Verlangen Bahn das mit der Ratio nichts gemein hat. Warum bekomme ich glänzende Augen, wenn fränkische Faschingskrapfen ihre wohlgerundete Gestalt in mein Gesichtsfeld schieben? Warum bin ich machtlos gegenüber sämigen Kartoffelklößen, die zwingend ein „Bröckla“ in ihrem geschmeidigen Innern tragen müssen? Wohin versetzt mich der nasenkitzelnde Duft von Kümmel und Majoran eines frisch aus dem Ofen geholten Krustenbratens, der den Fettbedarf einer ganzen Woche bedient? Warum lösen Genüsse, die ich freimütig als nicht gesund einordne, überfallartige Gelüste aus? – Weil sie uns eine Geschichte erzählen!

Die Proust’sche Madeleine hat viele Geschwister

Von dieser frühkindlichen Prägung machen sich wohl nur wenige frei: Déjà-vus oder besser Déjá-mangés, die uns so und nicht anders in der jeweiligen Ursprungsfamilie und Heimatregion glücklich machten. Lebenslang virulente Schimären aus Geruch, Geschmack und Glückseligkeit. Dass sich darunter auch Hasslieben befinden, soll nicht verschwiegen werden. Etwa der gewöhnungsbedürftige Nachgeschmack Saurer Kutteln oder die Schneckensuppe, von denen das Kind noch nicht ahnte, dass es sie einmal zu einem Wonneschmatz erklären würde.

Meist brennen sich aber identitätsstiftende Herzenssachen in’s kollektive Gedächtnis: Köllsches Himmel un Ääd mit Flönz, Bamberger Saure Zipfel, Schlesisches Himmelreich, Westfälischer Pfefferpotthast, Berliner Buletten, bayerischer Ochsenmaulsalat, Kalbskopf aus Baden, Heringsstippe von der Küste und Bremer Grünkohl mit allerlei Fettigem, Pfälzer Saumagen und Hessische Grüne Soß, Gaisburger Marsch und Schwäbischer Zwiebelrostbraten. Und .. und ..aah!

Die Fleischlastigkeit gibt allerdings zu denken. Heute rollt listige Camouflage genfreien Tofu mit Algen und eingelegtem Ingwer in Spitzkohlblätter statt Mett und Zwiebel in Weißkohlrouladen. Doch Vorsicht: Mit feiner Zunge erkennt das Unbewusste den Verrat!

Küchengedichte im Wandel der Zeit

Für den geheimen Rat Goethe, bekannt für seinen unersättlichen und exquisiten Appetit, füllte Köchin und „Bettschatz“ Christiane in der Küche am Weimarer Frauenplan einen 2 – 3 kg schweren „Welschen Hahn“ (Kapaun/Truthahn) mit 1 kg gehobelten Trüffeln, umwickelte ihn mit 25 hauchdünnen Scheiben Rückenspeck und briet ihn aufgespießt über offenem Feuer. Fleißig mit Kalbsfond begossen nahm das Federvieh eine hübsche Goldtönung an. Der aufsteigende Duft muss hinreißend gewesen sein. Hätte Gourmet/Gourmand Goethe geahnt, dass seinen Nachfahren in einer Periode von kulinarischer Ignoranz beim Anblick eines zähen, fettigen Gummiadlers aus einem imaginären Wald nahe Wien das Wasser im Mund zusammenlaufen würde – hätte er dann noch seinen Faust geschrieben?

Foto: © Martina Berg – Fotolia.com

Über die Gastautorin :

gruner2Sigrid Jo Gruner (www.missword.de) ist seit über 20 Jahren als Kommunikationsberaterin, Texterin, Autorin, Journalistin tätig. Als „MissWord!“ betreibt sie ein Redaktionsbüro für Strategische Beratung, Konzept, Text & Content (Web & PR, Infotainment, Texttuning) für Unternehmen, Freiberufler,  Institutionen, Webshops, Onlinemedien. Ihr Blog „1a-Grenadas“ bespielt Themen aus Kommunikation & Food, der Missword! Newsroom Medienarbeit & Content Marketing. Kernbranchen: Food & Kulinarik, Hotellerie  & Travel, LebensKunst in allen Spielarten.

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